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Sitzendorf und seine Porzellanmanufaktur
1370
Sycedorf
Älteste urkundliche Erwähnung in einer Erbteilungsurkunde der Grafen von Schwarzenberg. Namensgebung wahrscheinlich nach einem Grafen Sizzo von Kefernburg, der im 11. Jahrhundert lebte und als Stammvater des Schwarzburger Grafenhauses gilt.
1465
wird eine „smettenstatt“ zu Sitzendorf bezeugt. Besitzer war Hans Groß, auch als „hans hammersmed“ genannt, der gleichzeitig im Ortsteil Blechhammer eine Schmiede besaß. 1564 ließ die „Herrschaft“ (Grafen) sie in eine herrschaftliche Mahlmühle umwandeln.
1491
Kaiser Friedrich III. aus dem Hause Habsburg belehnt die Schwarzburger Grafen mit der Goldgewinnung im Schwarzatal. Die Adligen beschäftigen auch Sitzendorfer Einwohner mit diesem Gewerbe. Gold wurde aus dem Flußschotter oder aus dem eiszeitlich abgelagerten Gestein an den Hängen oberhalb des Flusses gewaschen oder im Bergbau aus dem Gestein geschlagen. Letztmalig wurde 1800 Gold in der Schwarza in der Nähe der Pocherbrücke gefunden.
1525/26
Sitzendorfer Einwohner nehmen am Bauernaufstand teil. Sie schließen sich dem „Waldhaufen“ an und marschieren über Paulinzella - hier wird das Kloster gestürmt -, Stadtilm nach Arnstadt, um dort dem Grafen ihre Forderungen vorzulegen. „13 wirdten und 2 hausgenos“
müssen an die Kanzlei Arnstadt nach dem Scheitern des Aufstandes eine hohe Buße zahlen.
1618
Der gräflich-schwarzburgische Bergverwalter Günther Brömel erteilt dem Grafen Philipp Ernst von Gleichen ein Privileg zum Bau einer Kupferschmelzhütte unterhalb von Sitzendorf. Das Erz wurde aus der Umgebung von Böhlen herangefahren; 1620 = 10.000 Zentner. Brömel hatte um 1616 bereits oberhalb von Sitzendorf ein Pochwerk errichten lassen. 1621 verkaufte er dies an den fürstlich-magdeburgischen geheimen Diener zu Arnstadt Christoph Drechsler jun., welcher Erzgruben bei Glasbach, Böhlen, Allersdorf, Lichta, Königsee, Unterschöbling und Aschau besaß. 1625 lieferte Drechsler 200 Zentner Garkupfer nach Hamburg.
 
1727
Gründung einer Blaufarbenfabrik in Sitzendorf. Von 1753 - 1758 wird Kobald verarbeitet. Seit 1826 wird hier Bleiweiß hergestellt.
1760
Der Kandidat der Theologie Georg Heinrich Macheleidt, geb. 1723 in Cursdorf, wohnhaft in Sitzendorf, erhält vom Fürsten Johann-Friedrich von Schwarzburg-Rudolstadt das Privileg zur Gründung einer Porzellanmanufaktur in Sitzendorf. 1762 wird diese auf Veranlassung des Fürsten nach Volkstedt, nahe der Residenz Rudolstadt, verlegt.
1768
Sitzendorf hat eine eigene Schule mit Lehrer. Der Ort zählt 300 Einwohner.
1834-65
Eine ganze Anzahl Sitzendorfer Familien werden aus Armut zum Auswandern nach Nordamerika, Brasilien und Australien gezwungen. Ihre Auswanderung wird jeweils im „Fürstlich Schwarzburg-Rudolstädtischen gnädigst priviligierten Wochenblatt“ bekannt gemacht.
1839
wird der Gesangsverein „Eintracht“ Sitzendorf gegründet. Es ist ein Männerchor. Zum 50-jährigen Jubiläum 1889 wird eine Vereinsfahne geweiht. Zum 75-jährigen Jubiläum 1914 erhält die Fahne einen zusätzlichen Wimpel. Seit November 1945 besteht der gemischte Volkschor Sitzendorf. 1994 konnte das 155-jährige Bestehen des Chorgesanges in Sitzendorf festlich begangen werden.
1850
Der aus Lichte gebürtige Wilhelm Liebmann, Gastwirt und Einwohner von Sitzendorf, erhält von der fürstlichen Kammer das Privileg zur Errichtung einer Porzellanmanufaktur in Sitzendorf.
1858
Ein Großbrand vernichtet sämtliche Gebäude der Sitzendorfer Manufaktur, nur die Brennöfen bleiben erhalten. Die hoch versicherten Gebäude werden rasch wieder aufgebaut.
1874
Ein Turnverein wird gegründet. Der Vorstand ersucht die Gemeinde um einen Platz für eine Turnanstalt.
1883
Eröffnung einer Bezirkssparkasse. Oberbehörde ist das fürstliche Landratsamt.
 
1884
Neue Organisierung der Spritzenfeuerwehr:
Ortsbrandmeister, Stellvertreter, Löschmannschaft 16 Mann, Wachmannschaft 16 Mann, Rettungsmannschaft 12 Mann, Wasserträger (2. Spritze) 12 Mann, Mannschaft für Leitern und Haken: 14 Mann
1884
Beginn der Herstellung von Spitzenfiguren in der Manufaktur, in Meißner Art dekoriert. Besitzer sind nunmehr Alfred und Carl Wilhelm Voigt.
1890
Errichtung eines Zweigbetriebes in Unterweißbach. Beide Betriebsteile beschäftigen rund 300 Arbeitskräfte.
Im Sitzendorfer Betrieb erzeugt eine Dampfmaschine elektrische Energie in Form von 110 Volt Gleichstrom. Elektrische Beleuchtung hält Einzug.
Vorher wurde beim Schein von Öllampen gearbeitet. Der Ort zählt rund 700 Einwohner.
1896
Die Manufaktur wird Aktiengesellschaft mit einem Gründungskapital von einer Million Mark. Aktionär ist der Besitzer der Bleiweißfabik, der geheime Kommerzienrat Albert Schönau.
Belegschaft der Manufaktur 1904
1899-1900
Bau der Bahnlinie von Oberrottenbach nach Katzhütte. Sitzendorf wird Bahnstation. Das Brennen des Porzellans wird von Holz auf Kohlefeuerung umgestellt. Produktion und Transport werden billiger, die
Manufaktur wird konkurrenzfähiger.
Seit 1872 haben sich die Industriellen und Gewerbetreibenden des Landratsamtes Königsee um den Bau dieser Bahn bemüht.
1908-10
Sitzendorf erhält eine zentrale Wasserversorgung und Kanalisation
1913
Sitzendorf wird in „Meyers Reisebuch“ erstmalig als Sommerfrische erwähnt. Der Tourismus begann etwa 1890 in der Brauerei Böttner in Blechhammer. Gäste kamen damals mit der Postkutsche auf der 1798-1804 gebauten Poststraße von Blankenburg über Unter- und Oberweißbach. Als erste Sitzendorfer Fremdenpension eröffnete 1900 das Haus „Hugo Bergmann“.